Zwölf CITO-Aktive starteten 2001 beim größten italienischen Jedermann-Radrennen LA NOVE COLLI in Cesenatico/Adria
Strecke A: 210 km/3.840 HM – Strecke B: 130 km 1.870 HM

Sportwart Helmut Schumacher hatte weder Zeit noch Mühe gescheut, um eine große Reisegruppe zusammen zu trommeln. Schließlich war der Bus mit 39 Personen voll besetzt, darunter einundzwanzig CITO-Aktive, neun Vereinsdamen, neun Gäste. Vereinsmitglied Heinz Rötzel saß höchstpersönlich am Steuer seines Reisebusses, um uns vom 12. bis zum 21. Mai 2001 zu einem 10-tägigen ADRIA-Trainingslager nach Gateo Mare (Cesenatico) zu bringen.
Nach 5 Trainings- und zwei Ruhetagen stand dann am Sonntag, den 20. Mai 2001, für 12 mutige CITO-RIANER die Feuerprobe auf dem Programm, auf der sich alle Trainingsanstrengungen zu bewähren hatten, die Teilnahme am größten italienischen Straßenrennen für Amateure und „Jedermänner“, der europaweit bekannte NOVE COLLI (oder wie die Italiener es nennen IL CICLOTURISTA). Frühmorgens ab 6 Uhr nahmen mehr als 9000 Teilnehmer (darunter auch 1300 Nicht-Italiener) mit ihren Velo-Flitzern in der Viale Mazzini und ihren Nebenstraßen zum Start Aufstellung und erwarteten bei besten Wetterbedingungen hochmotiviert und mit Adrenalin bis unter die Haarspitzen vollgepumpt, auf den Start. Um Punkt 7:45 Uhr war es dann endlich so weit, der riesige Tross setze sich in Bewegung. Vorneweg die vom Veranstalter extra als Pacemaker angeheuerten Ex-Profis, direkt dahinter die Gruppe örtlicher Prominenter, schließlich die echten Rennteilnehmer. Bis wir die Startlinie erreichten dauerte es etwas, aber dann ging sie ab, die wildeHatz: Wer nicht sofort auf mindestens 40 km/h (besser: 45 km/h) beschleunigte, der wurde gleichzeitig rechts und links überholt und einige besonders Eilige schafften das Überholen sogar auf dem Bankett am Straßenrand! Es war halt ein italienisches Straßenrennen. Das wirklich Gute an der Organisation bestand, außer in einer hervorragenden Streckenverpflegung darin, dass alle Straßen, welche Teil der Rennstrecken waren, für jeglichen anderen Verkehr komplett gesperrt waren.
Das Tohuwabohu nach dem Start ließ die CITO-Gruppe sofort platzen, denn das war für brave Radtouristiker dann doch eine zu ungewohnte und mehr als forsche Gangart. Und so kam es, dass Dieter und Helmut, jeder für sich, zwar unbeeindruckt mitballerten während alle anderen sich irgendwo dahinter zu behaupten versuchten. Es hatte aber für alle diejenigen, die schon ein wenig Rennerfahrung hatten, zweifellos etwas Faszinierendes, diese Mischung aus hetzender Meute, das Sirren von Hunderten von Laufrädern, gemischt mit dem Applaus und den Zurufen der Zuschauer am Straßenrand (um sich das wirklich vorstellen zu können, muss man es aber wohl persönlich erlebt haben…Das obige Foto des Veranstalters von der Startaufstellung vermittelt da eher noch einen geordneten Eindruck von der Situation, allerdings vor dem Startschuss.
Nach den ersten flachen 25 km änderte sich dann das Bild, als wir uns am Anstieg zum 1. Berg (POLENTA, 8km lang, Durchschnittssteigung 3%, max, Steigung 13%) befanden, denn im hübschen Weinort Bertinoro, also in knapp der Hälfte des ersten Anstiegs, war eine längere Engstelle zu passieren, was gelegentlich sogar bei Profigruppen zu Problemen und Stürzen führen kann. Bei den „Jedermännern bzw. -frauen“ wurde es dramatisch, denn zu viele Pedaleure hatten wohl schon wegen des enorm hohen Anfangstempos ihr Pulver verschossen (man darf da wohl vornehmlich an die vielen mitradelnden Prominenten denken) und stiegen vom Rad ab. Der sich daraufhin sofort bildende Rückstau wuchs innerhalb von wenigen Minuten so an, dass schließlich in Bertinoro Zigtausende ihr Radel über eine 300m lange Strecke nach oben schieben mussten, denn es gab kein Durchkommen mehr!
Nach 65 km dann zweite Berg: Pieve di Rivoschio. In Piandispino beginnt ein 8 Kilometer langer Anstieg mit durchschnittlich 4,7%, (maximal 9%). Oben dann die erste Verpflegungsstelle; als Helmut dort eintraf war Dieter schon wieder auf der Strecke und man sah sich dann erst im Ziel wieder. Kaum wieder im Tal angekommen musste schon die nächste Steigung angenommen werden.
Beim Strecken-Km 77 erwartete uns der 3. Berg, die Ciola. Die Länge des Anstiegs beträgt
6 km und man hat 313 Meter Höhenunterschied vor der Brust. Dass die Ø-Steigung mit 5,5% hier größer war als an der 2. Steigung merkte man gleich von Anfang an, zumal auch Rampen von bis zu 11% in der Strecke sind. Wer hier zu langsam (weil muskulär schon müde) unterwegs war oder seinen „gewohnten Stiefel“ bergauf fahren wollte und sich dabei zu weit auf der linken Straßenseite aufhielt, handelte sich schnell die von hinten ertönende Aufforderung der nachrückenden Italiener ein, die Straße nicht zu blockieren. Auf italienisch klang das so: „Strada“ oder auch „Strada sinistra“ (zu Deutsch: „Straße“ bzw. „Straße links freigeben“.
(Das folgende Bild zeigt Sportwart Helmut an einer Rampe am Montetiffi in voller Aktion)

Strecken-Km 91: hier, im Savio-Tal stand nach der Durchfahrt des Ortes Mercato Sarazeno das erste große Highlight an, der Barbotto. Das ist der wohl anspruchsvollste aller neun Colli: Auf nur 5,5 km macht man bei durchschnittlich 7 Steigungs-Prozenten 372 Höhenmeter, wobei die maximale Steigung kurz vor dem Gipfel in zwei aufeinanderfolgenden Serpentinen sogar 18% erreicht. Schon unterwegs aber erst recht in den Steilpassagen und am Gipfel selber stehen Zuschauer dicht-an-dicht an der Strecke. Manfred berichtete später, er sei dort von einem Herold mit Megaphon persönlich angefeuert worden; dieser Mensch hatte auf seiner Radhose wohl schon von Weitem das Logo unseres damaligen Sponsors gesehen und es fälschlicher Weise für den Vereinsnamen gehalten.
Und so rief er dann immer wieder: „Avanti bene bene Globale Finance“; Manfred, der dort die Kurbel kaum noch rundtreten konnte riss sich zusammen und kämpfte sich durch das Spalier der Zuschauer tapfer nach oben weiter…wo er dann – der Zufall wollte es – auch Hans Olesen wiedertraf; danach fuhren die beiden Seite-an-Seite bis zum Ziel gemeinsam…
An dieser Steigung hatte der deutsche Rad-Star (und Straßenweltmeister des Jahres 1966) Rudi Altig bei der damaligen 11. Etappe der Italienrundfahrt (Giro D’Italia) des Jahres 1966 die gesamte Konkurrenz düpiert, als er am Beginn der Steigung einen erfolgreichen Ausreißversuch unternahm, den jedoch kein Konkurrent ernst nahm, weil man Altig zwar als Sprinter jedoch nicht als Bergfahrer fürchtete; so hat es der Rudi mal selber in einer ihm gewidmeten Fernsehdoku schmunzelnd berichtet: „Die haben damals alle gedacht: Lass‘ den mal fahren, den holen wir bald wieder ein…“ Der clevere Rudi hatte sich vor dem Start das Höhenprofil der Etappe genauestens eingeprägt und alles richtig für seinen Etappensieg vorgeplant. Er kam außer Sichtweite seiner Verfolger auf dem Barbotto-Gipfel an und konnte seinen Vorsprung über die verbleibenden und meistens leicht bergab führenden 52 km bis ins Ziel in Cesenatico problemlos verteidigen.
Bis zu diesem Barbotto-Gipfel verlaufen die 210km Strecke und die 130-km-Strecke identisch. Oben auf dem Barbotto erfolgte dann die Streckentrennung. Unsere Sportkameraden auf der 130-km-Strecke (Monika und Helmut Elfgen, Josef Rahm, Horst Müller, Walter Firscher, und Ha-Jo Gruhlke) hatten dort 75% ihrer Strecke absolviert; sie konnten sich an der dortigen großen Verpflegungsstelle ausgiebig regenerieren, um anschließend stressfrei die verbleibenden 40 km Rückweg in Angriff zu nehmen, der über ein längeres Stück sogar aus einem sanftem Gefälle besteht.
Die vier ganz harten Jungs (Dieter Hombach, Helmut Schumacher, Manfred Stößer und Hans Olesen) indes hatten dort noch mehr als die Hälfte an Kilometern und Hügeln vor der Brust (die weitere Streckenbeschreibung gilt also nur für diese Langdistanzler).
Dieter hatte sich unterwegs einer Gruppe starker italienischer Teilnehmer angeschlossen und genoss die Weiterfahrt mit diesen Sportkameraden. Dass er etwas Italienisch spricht und zudem bestens über die Hügel kam, beeindruckte die Italiener offenbar stark: „Dieter Tedesco“ hieß er alsbald bei seinen Mitradlern und sie sparten nicht mit Lob: „Bravo Dieter“ und „Dieter tedesci ha le gambe forti.“ (der deutsche Dieter hat starke Beine).
Vom Barbotto ging es zunächst runter ins Uso-Tal bevor man beim Km 102 zum 5. Hügel, dem Montetiffi einbiegt. Der liegt im Gemeindegebiet von Sogliano, ist aber „nur“ 3 km lang und hat im Schnitt 6% Steigung. Dennoch ist er relativ biestig, weil unrhythmisch zu befahren und mit einer bis zu 16% steilen Rampe gewürzt (auf unseren Trainingsfahrten durch’s Uso-Tal nannten wir diesen Hügel immer nur den „den Wadenbeißer“).
Nach dem Montetiffi geht’s sofort rein in die 6. Steigung Perticara; Merkmale: 4,1% Steigung, maximale Steilheit 12%, und ein Höhenunterschied von fast 370 Metern. Es folgt dann, bei Strecken-Km 130, mit Nummer 7 die längste aller Steigungen: Monte Pugliano, wo man auf 9 km Strecke tatsächlich 510 Höhenmeter an einem Streifen macht, was 5,6 Steigungs-Prozente (12% Maximalsteigung) bedeutet. Danach ist man eigentlich fix und fertig! Aber es geht ja weiter…Zu unserem Glück folgte jetzt endlich eine richtig lange Abfahrt (14 km lang), vorbei an der schon im 12. Jhd. erbauten Festung San Leo welche imposant auf einer senkrecht über dem ins Marecchia-Tal aufragenden Felswand steht. Aber dafür hatten die Radler natürlich höchstens einen kurzen Seitenblick übrig, denn ab hier geht’s steil bergab. Man kommt bei Pietracuta dann unten im breiten Marecchia-Tal an (und könnte, wenn man wollte, dort gleich nach San Mario hoch fahren), aber die Route führt jetzt zur achten und vorletzten Steigung, dem relativ harmlosen Passo delle Siepi (Länge nur 4 km und eine gleichmäßige 6%-Steigung). Diesen Pass empfindet man nach allem Vorherigen fast schon als reine Erholung; für Manfred war es urplötzlich ein unverhoffter Strohalm der Hoffnung, als ihm nämlich ein italienischer Mitradler gestenreich klarmachte, es handle sich die letzte Steigung: „UItimo Passo, Ultimo Passo“ rief er fortwährend, was sich aber alsbald als falsch herausstellte; das „dicke Ende“ kam aber bald danach.
Bei KM 175 beginnt dann die Nr. 9, der allseits gefürchtete Gorollo (4,2 km lang,
Ø-Steigung 7,5%, maximale Steigung 17%) Dieser Anstieg ist echt tückisch: Man ist schon sowieso im Eimer, es ist schon 4 Uhr am Nachmittag, die Sonne steht immer noch immer un-übersehbar am Himmel, kein Windhauch zu spüren, man schwitzt wie Bolle und will eigentlich nur noch Ruhe, Schatten und….ein Bier…Das Ding beginnt dann auch sofort mit einer Rampe von 13%! Dann folgt zwar ein längeres, Zwischenstück mit geringer Steigung, man atmet durch und denkt: „Nanu, war es das schon?“ Aber dann kommt der Hammer: ein Kilometer mit bis zu 17% Steigung! Wie ich da hochgekommen bin, ohne abzusteigen: ich weiß es nicht mehr….ich weiß aber noch, dass ich kraftmäßig absolut das Letzte geben musste. Oben, in Borghi ist der Steigungs-Wahnsinn dann endlich vorbei; es folgt die Abfahrt über Santarcangelo und Savignano zum Ziel in Cesenatico, wo man uns am Ende der langen Zielgeraden die verdiente Medaille umhängten.
Jedenfalls waren nachher alle CITORIANER nicht nur gut und heil im Ziel angekommen, sondern auch hoch zufrieden und ein bisschen stolz auf die vollbrachte Leistung!

Manfred und Hans in bester Laune nach dem Rennen im alten Hafen von Cesenatico
